Bethlehem und die Passanten
Weihnachtskrippe in dürftiger Zeit?
Wer ist ein Passant?
Jeder ist hin und wieder Passant. Jeder hat unzählige namenlose Passanten gesehen. Deshalb kann man nicht wissen, wer ein Passant ist. Ferner, wer hat nicht von dem vielleicht bedeutendsten Passanten gehört – dem Barmherzigen Samariter?
Bezeichnenderweise kennen wir seinen Namen nicht. Ebenso seine Vorgeschichte. Auch seine Nachgeschichte bleibt uns verborgen. Wir wissen nicht einmal, wohin er unterwegs war. So übrigens erleben wir fast alle Passanten: ohne Namen, ohne Lebensgeschichte, ohne Zielvorgabe – einem Kometen nicht unähnlich. Passanten sind für uns zumeist eine Art „Geheimnis-Träger“.
Der namenlose Barmherzige Samariter ist durch eine einzige Tat in die Weltgeschichte eingegangen. Besser: in die Geistesgeschichte. Er hat sich – anders als andere Passanten vor ihm – eines halbtoten Menschen im Graben angenommen: schnell, wirksam, hochherzig. Und das unbeschadet dessen, dass zwischen ihm, dem Samariter und dem halbtoten Juden nicht nur ein Graben, sondern nahezu ein Abgrund der „Erbfeindschaft“ lag.
Ein Passant ist an sich kein Suchender. Aber er kann durchaus finden, ohne gesucht zu haben. Er sieht vieles bloß „im Vorbeigehen“. Jedoch vermag er auch, wirklich „wahr“–zunehmen: Bedeutendes im scheinbar Unbedeutenden. Vielfach begegnet er Unzähligen, ohne auch nur einem einzigen wirklich zu begegnen. Doch ist der Passant zugleich ein Wesen, das für vieles und viele offen bleibt. Dieses Wesen pflegt des öfteren anzuhalten. Gelegentlich hält der Passant auch an, um zu verweilen. Manchmal sagt er sogar: „Verweile doch, Du bist so schön“.
Nicht immer ist das „du“ ein Du. Mitunter ist es „nur“ ein Ereignis, eine Sache, ein Anliegen, ein Wert, ein Ideal. Aber selbst wenn Ereignis, Sache, Anliegen, Wert, Ideal nicht von einem Du herrühren, so führen sie doch am Ende stets zu einem Du. Das Vorbeigehen muss nicht ein belangloses Vorüberziehen sein, kann doch das Passieren zu einem „Passieren“ als Sich-Ereignen werden, immer wenn sich Verweilen, Begegnung und Bejahen zuträgt und ereignet.
Passant als geistiger Wanderer
Es ist bereits deutlich geworden: der „äußere“ sichtbare, leibliche Passant lässt sich nicht gänzlich von dem inneren, unsichtbaren, geistigen Passanten unterscheiden und trennen. Der Geist zieht mit dem Leib mit. Und umgekehrt auch. Äußerer und innerer
Weg berühren sich häufig. Im Stofflichen ist Geistiges wahrzunehmen, mindestens aber ist Stoffliches auch geistig zu betrachten und zu würdigen.
In unserer pluralistischen Welt kommt jeder im „Laufe seines Lebens“ an vielen Sinn-, Wert- und Zielangeboten vorbei. Sogar an Letztsinn- und Höchstwertangeboten. Freilich kann sich bei näherem Hinsehen Sinn als Scheinsinn, ja Unsinn entpuppen. Wert kann sich als Scheinwert oder gar Unwert enthüllen.
Im Pluralismus gibt es nicht nur Wege, die zum Ziel führen, sondern auch Umwege, Holzwege, Sackgassen und „Unwege“, welche in den Abgrund führen.
Passanten in Bethlehem
Unter den vielen Letztsinn – und Höchstwertangeboten, denen der geistige Passant bzw. Geisteswanderer begegnet, ist auch Bethlehem. Jeder Schulbub weiß, was sich dort ereignet hat… Wie nimmt der geistige Wanderer diesen Ort in Augenschein? Verweilt er dort? Lässt er Bethlehem „links liegen“? Lässt er sich auf das geistige Bethlehem ein?
Eine zeitgenössische christliche Dichterin verweilt – mit den Hirten und Weisen – als kühne Schauerin vor der Krippe
Gott – winzig geworden
Schrumpfte zusammen
Größe fand Platz
Im Geringen
Schlicht wie ein Krümel Brot
Größe verdichtete sich
Zu einem obdachlosen Kind
Die Welt verfällt ihrem Unglück
Gott
Raum missgönnend
Wird Gott abgeschoben
Beginnt des Lebens
Blanke Sinnlosigkeit
Solche Worte können freilich nur dem Boden des Evangeliums entspringen. In der Kontemplation von Dorota Sosnowska hallen zwei Texte des Neuen Testamentes nach – ein lukanischer (Lukas 2, 1-20) und ein johannäischer (Joh. 1, 1-18).
Beide Texte scheinen auf den ersten Blick von zwei verschiedenen Ereignissen zu sprechen. Im Kern jedoch sind sie eins.
Für alle Passanten dieser Welt – bzw. für alle geistigen Wanderer in Gegenwart und Geschichte – bleibt die Krippe als Verkörperung der weihnachtlichen Botschaft:
Und das Wort ist Fleisch geworden
Und hat unter uns gewohnt
Herausforderung, Einladung, Perspektive
Witold Broniewski
Die Krippe als neue Arche Noah
Die Weihnachtskrippe als neue Arche Noah? Obendrein mit Franz von Assisi „an Bord“? Müssen solche Verweise und Bezüge – über Zeiträume hinweg – nicht seltsam anmuten, ja befremden? Dass vor der Krippe nicht nur Hirten und Weise aus dem Orient erscheinen, sondern auch Schafe, Ochs und Esel, das ist selbst Kinderaugen ein vertrautes Bild. Aber was hat es mit dem buntem „Tiergefolge“ in Bethlehem auf sich?
Setzen wir nicht bei der jesuanischen Zeitenwende, sondern heute an. Auch nicht im Himmel, sondern auf Erden. Den Ausgangspunkt in Bethlehem bildet gewiss keine Idylle. Damals nicht und ebenso wenig heute. Kann aber – so ist zu fragen – die Bewahrung der Schöpfung mit dem Geschehen zu Bethlehem etwas zu tun haben? Es mag überraschen, dennoch kommen entscheidende Schlaglichter von einem Mann, der vor über 800 Jahren in Assisi geboren wurde.
Die grüne Bewegung lässt sich leider überwiegend vom Gefährdungsbewusstsein leiten, ja von einer Art Untergangsstimmung. Nun mögen Angst und Panik durchaus verständlich sein. Wesentlicher aber ist es, nach Ursachen und möglichen Auswegen, genauer: nach Möglichkeiten zu suchen, um die Umweltkrise und die Missstände zu beseitigen. Habgier, Genusssucht, ebenso Machtlüsternheit, Unterwerfungsgelüste aus Hochmut, Arroganz und Hybris sind letztlich für Ausbeutung und Raubwirtschaft verantwortlich – die häufig in Zerstörung ausufern. Der Mensch, sofern er zum Zerstörer wird, wird nicht nur anderen zum Verhängnis, sondern eben auch der Natur. Übrigens auch sich selbst, zerstört doch der Zerstörer am Ende sein eigenes Menschsein. Mithin endet Zerstörung in Selbstzerstörung und Umweltzerstörung. „Löschen des Geistes“ kann in Ungeist und dessen Entgleisungen münden.
Aus der Sackgasse der „naturstürmischen“ Barbarei führt erst ein geläuterter Geist, der Ehrfurcht vor dem Sein (was mehr ist als Ehrfurcht vor dem Leben) gelernt hat und somit die Schöpfung sein, gewähren und gedeihen lässt. Als Gegengewicht zum bloßen Nützlichkeitsdenken ist Selbstlosigkeit gefragt. Der Geschäftigkeit und dem Umgetriebenwerden sind Muße und Schauen entgegenzustellen. Aktion ohne Kontemplation muss versanden. Kurzum: soll die Umweltzerstörung ein Ende nehmen, so müssen zunächst die Zerstörungs- (und Selbstzerstörungsantriebe) überwunden werden. Zu erneuern, zu läutern, zu befreien, zu erlösen ist zunächst der Mensch, damit alsdann die Natur befreit und erlöst werden kann.
Andererseits bietet auch die Vergötzung der Natur keinen Ausweg. Begeisterung ohne Nüchternheit kann blind machen. Erst die Hinwendung zum Schöpfer vermag die Schöpfung zu bewahren – vor dem Attentäter Mensch.
Wer ist so grün wie Franz von Assisi? Das Heil des Menschen gereicht auch der Natur zum Wohl. So führt Franziskus nicht nur den Aussätzigen – als Sinnbild für alle Armen und Leidenden – nach Bethlehem, sondern auch Säugetiere, Vögel, Fische …. Auch sie harren der Befreiung. Auch ihnen sind „der neue Himmel und die neue Erde“ zugedacht, welche ihren Anfang in Bethlehem nehmen. Die Krippe wird so zu einer neuen Arche Noah. Der mit dem Schöpfer versöhnte Mensch wird befähigt, den Feldzug gegen die Natur einzustellen und sich mit der Schöpfung zu versöhnen – vor der Krippe, dem Geburtsort Jesu und – in der Folge – in der Kraft des befreiten, neuen Menschen, der Frieden zu stiften vermag.
Witold Broniewski

